Ausgesprochen Alt. Der Antike Podcast

Folge 06: Über die Wahrheit im Wein mit Julian Schneider

Mit Julian Schneider begrüßen wir heute unseren ersten Gast bei Ausgesprochen Alt. Er ist Schweizer Althistoriker und schreibt gerade an einer epigraphsichen Masterarbeit an der Universität Wien. Zudem ist er ein guter Freund von Fabiola und Max. Und weil man mit Freunden gerne mal ein Gläschen Wein trinkt, sprechen wir heute über dieses Getränk. Was weiß man denn aus der Antike über den Traubensaft? Wie trinkt ein guter Grieche seinen Wein? Wann und wo trinkt eine Frau in der Antike Wein? Und sind wir heute alle nur Barbaren?

Folge 06 von Ausgesprochen Alt.

Weinfolge – Nomen est omen

Über diese Quellen sprechen wir diese Folge:

Vertrag mit einem Flötenspieler zur musikalischen Begleitung der Kelter

«Im Konsulat unseres Herren Licinius Augustus zum 6. Mal und Licinius, des durchlauchtesten Caesars, zum 2. Mal. An Aurelios Adelphios, Gymnasiarchen und Ratsherrn von Hermupolis, sendet Aurelios Phibis, Sohn des Kolluthos und der Mutter Melitine, Flötenspieler aus Hermupolis, seinen Gruß. Ich erkläre, daß ich mit Dir, dem Großgrundbesitzer, übereingekommen bin und einen festen Vertrag geschlossen habe, dass ich zum Dorf -ris kommen werde und zwar zu den Erntearbeiten der dortigen Weinlandparzellen mit den dafür vorgesehenen Kelterern und daß ich tadellos den Kelterern und den anderen zu Diensten sein werde mit Flötenspiel und die Kelterer nicht im Stich lassen werde bis zum Ende (Anm.:d. h. der Kelter) der kommenden glücklichen zehnten Indiktion, und bei dem Flötenspiel und der Unterhaltung werde ich von den Verantwortlichen die verabredeten Sachen empfangen. Die Übereinkunft, die ich in nur einer Ausfertigung abgegeben habe, ist bestimmend und auf Befragen habe ich zugestimmt. Im obenerwähnten Konsulat, am 24. Choiak. Ich, Aurelios Phibis, werde das Geschriebene vollständig tun, wie beschrieben. Ich, Aurelios Pinution, Gehilfe des Aniketos, habe für ihn geschrieben, weil er nicht schreiben kann.»

CPR XVII 19, 20. Dezember 321 n. Chr., Inventarnummer: P.Vindob. G 2077 (Übersetzung Klaas A. Worp)
Hier kann man sich das Original auf der Homepage des Papyrusmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek ansehen. Im letzten Jahr waren dieser und mehr Papyri Teil einer Sonderausstellung zu Wein im Alten Ägypten.
Arbeitsvertrag mit einem Flötenspieler zur Unterhaltung bei der Weinlese; Papyrus Griechisch Hermupolis, 20. Dez. 321 n. Chr. – © Österreichische Nationalbibliothek

Kommentar von Julian: Die Datierung der Urkunde ergibt sich aus der sechsten Konsulatsangabe von Kaiser Licinius (Augustus) bzw. der zweiten seines gleichnamigen Sohnes (Caesar). Da deren Herrschaftsdauer und Konsulate genau bekannt sind, lässt sich für die vorliegende Urkunde das Jahr 321 n. Chr. errechnen.
Das auf den Tag genaue Datum der Vertragsausstellung ergibt sich aus dem Verweis auf den 24. Choiak (ägyptischer Monatsname), was dem 20. Dezember unseres Kalenders entspricht. Vom Dorfnamen, wo der Flötenspieler seinen Dienst antreten wird, ist auf dem Papyrus nur noch die Endung -ris erhalten. Der Termin für die Ernte wird für die ‘kommende glückliche zehnte Indiktion’ festgelegt – die Indiktion war ein 15-jähriger Steuerzyklus, der häufig als Datierungsangabe verwendet wird – und fällt somit in den Sommer (August/September) 322 n. Chr. Dies bedeutet, dass sich der Großgrundbesitzer Aurelios Adelphios mit der Planung der nächsten Ernte mehr als ein halbes Jahr vorher beschäftigt hat; sehr vorbildlich!
Überraschenderweise ist im Vertrag weder das Gehalt (‘die verabredeten Sachen’) noch die Arbeitsdauer (‘bis zum Ende der Ernte’) des Flötenspielers fest definiert. Der Herausgeber Klaas A. Worp vermutet eine mündliche Absprache und argumentiert, dass die Dauer der Erntearbeiten im Vorfeld nicht genau einzuschätzen war. Der Vertrag schließt mit einem üblichen Schreibervermerk, da der Flötenspieler selber nicht schreiben konnte.

Die Mischung macht’s! Antike Diskussionen über die Mischverhältnisse

Athenaios zitiert namhafte Philosophen und Dichter

«Früher war es üblich, in den Becher erst Wasser einzufüllen und danach den Wein. 
Xenophanes:
‘Keiner wohl würde beim Mischen erst Wein in den Becher
gießen, nein, Wasser zuvor, über das Wasser den Wein.’ 
Anakreon: 
‘Bring’ Wasser, mein Sklave, und bringe auch Wein,
wohlan, bring’ uns Kränze
von Blüten geflochten,
damit ich auf Eros mich stürze!’
Vor diesen Hesiodos:
‘Von einer ewiglich fließenden Quelle, die niemals getrübt ist,
gieße erst drei Teile Wasser ein, dann noch den vierten vom Weine!’»

Athen. 11,782a–b (Epitome 11) (Übersetzung Claus Friedrich)

«Bei Anakreon gibt es einen Teil Wein auf zwei Teile Wasser:
‘Wohlan, so bring’ uns, Sklave,
einen Krug, damit ich einen langen Zug
nun trinke auf dein Wohl; so gieße ein
zehn Schöpfer Wasser, fünf vom Wein,
da ich ohne Übermaß
abermals den Bakchos-Rausch erleben will!’»

Athen. 10,427a (Übersetzung Claus Friedrich)

Athenaios zitiert Herodot und erklärt, wie Barbaren den Wein ungemischt trinken

«Die Spartaner erzählen, wie Herodot im sechsten Buch berichtet, dass sich der König Kleomenes mit Skythen eingelassen habe und ein Trinker ungemischten Weins geworden, dann aber infolge der Trunkenheit dem Wahnsinn verfallen sei. So sagen die Lakoner selbst, wenn sie stärkeren Wein trinken wollen, ‘nach Skythenart handeln’.» 

Athen. 10,472b (Übersetzung Claus Friedrich)

Zur Qualitätssteigerung des Weines durch Zusätze

Die tückische Göttin Kirke bewirtet Odysseus und seine Gefährten mit zauberhaftem Wein

«Kirke doch führte sie ein und bot ihnen Sessel und Stühle,
Rührte für sie ein Gemisch dann zusammen aus Käse, Gerste,
Gelbem Honig und Wein aus Pramne und tat in die Speise
Schreckliche Gifte: sie sollten die Heimat völlig vergessen.»

Hom. Od. 10,233–236 (Übersetzung Anton Weiher)

Plinius der Ältere über diverse Weinzusätze

«In Afrika mildert man die Strenge durch Gips, in manchen Gegenden dort durch Kalk. Griechenland erzeugt milde durch weissen Ton, Marmor, Salz oder Seewasser, ein Teil Italiens durch Pech, das den Weinrausch vertreibt; hier und in den benachbarten Provinzen ist es üblich, den Most mit Harz zu behandeln; manchmal setzt man Hefe zu vom vorjährigen Wein oder Essig.» 

Plin. nat. hist. 14,120–121 (Übersetzungen Roderich König)

«Im übrigen ist die Bemühung um die Verbesserung der Weine so groß, dass einige, wie dies andernorts durch Gips und auf die erwähnten Arten geschieht, sie durch Asche auffrischen wollen: man bevorzugt aber die Asche von Weinstockreisern oder von Eichenholz. Ja, man schreibt sogar vor, man solle ebendazu das nötige Seewasser auf dem hohen Meere holen […].»

Plin. nat. hist. 14,126–127 (Übersetzungen Roderich König)

«Cato schreibt vor, die Weine ‘abzustimmen’ […] indem man je einen Schlauch mit dem vierzigsten Teile Aschenlauge, die mit Mostsaft gekocht wurde, oder mit 1 1/2 Pfund Salz, manchmal auch mit zerstoßenem Marmor versetzt. Er erwähnt auch Schwefel und Harz.» 

Plin. nat. hist. 14,129 (Übersetzungen Roderich König)

 «Um ihn zu färben, fügt man, wie wir wissen, färbende Stoffe als eine Art Tönungsmittel hinzu und so wird er etwas öliger. Durch so viele giftige Zusätze wird der Wein gezwungen, zu munden, und wir wundern uns dann, dass er schädlich ist!» 

Plin. nat. hist. 14,130 (Übersetzungen Roderich König)

Weinkonsum und Symposion

Athenaios zitiert den Philosophen und Dichter Xenophanes zur Illustration des Symposion

 «Ich sehe nun auch selbst, dass euer Festmahl erfüllt ist von jeglicher Freude am Genuss – so, wie es Xenophanes aus Kolophon schildert:
‘Rein ist der Boden und rein sind die Hände und Becher von allen;
einer legt jedem ums Haupt einen geflochtenen Kranz,
duftendes Salböl sodann trägt ein andrer umher in der Schale,
und ein Krater steht bereit, voll von dem Freudengenuss.
Da ist ein anderer Wein auch zur Hand, der verheisset, dass nie er versiege
lieblich in den Krügen von Ton, Blütenduft sendet er aus.
Doch in der Mitte lässt Weihrauch den frommen Geruch dann verströmen,
reichliches Wasser fließt kalt, herzhaft erfrischt es die Luft.
Goldbraune Brote sind da, ein erhabener Tisch ist gerüstet,
ächzend fast unter der Last: Käse und Honig zu Hauf,
ferner ein Altar inmitten, mit Blumen geschmückt an den Rändern,
Tanz und Gesang überall füllen die Säle ringsum.
Erst – so ist’s Brauch – singen redliche Männer dem Gott einen Lobpreis
rühmenden Sagenbericht, Worte mit lauterem Sinn,
spenden die Trankopfer, beten um Kraft, das, was recht ist, zu leisten
Es ist ja dies, was zur Zeit eher als alles uns ziemt.
Trinken allein ist kein Fehltritt, so viel es auch sein mag, sofern du
heim ohne Helfer gelangst, ausser du bist hochbetagt.
Rühme doch den unter Männern, der trinkt und auch Tüchtiges vorweist,
wie es ihm eingibt der Geist, wie ihn beflügelt der Mut!
Nur keine Rede von Schlachten der alten Titanen, Giganten
oder Kentauren, ein Spuk, Sagen aus früherer Zeit,
auch nichts von heftigen Kämpfen, die nichts, was uns fördert, bescheren,
sondern der Götter Gebot hat stets das Gute ins sich.’»

Athenaios 11, 462 c–f (Übersetzung Claus Friedrich)

Eine Ode an den Wein – Horaz besingt den Wein

  «Du treuer Tonkrug, der du zugleich mit mir im Konsulat des Manlius
2 entstanden bist – magst du nun Klagen enthalten oder Scherze,
Streit und hemmungslose Verliebtheit
4 oder einen erquickenden Schlaf,
wie immer auch der Massikerjahrgang heißen mag, den
6 du verwahrst, du bist es wert, an einem Glückstag angebrochen zu werden.
So komm denn herab, dieweil Corvinus befiehlt,
8 einen milderen Wein hervorzuholen!
Zwar fließen ihm sokratische Reden von
10 den Lippen, doch ist er nicht so starren Gemüts, dich zu verachten;
oft soll ja auch die Strenge des alten Cato
12 am Wein sich begeistert haben.
  Du unterwirfst einen Geist, der sich sonst nicht gerne beugt,
14 einem sanften Zwang; du bringst die Gedanken
der Weisen und manche geheime Absicht
16 durch einen heiteren Lösetrunk ans Licht;
du gibst verzagten Herzen neue Hoffnung,
18 dem Mittellosen Kräfte und frischen Mut,
  dass er in deinem Schutze weder den grimmigen Hochmut
20 von Königskronen noch die Waffen der Kriegsknechte fürchtet.
  Dich werden Liber und Venus (falls sie mit ihrem Lächeln kommt)
22 und die Grazien, die ein geknüpftes Band nur ungern lösen,
und auch die lebhaft brennenden Lampen bei uns verweilen lassen,
24 bis die wiederkehrende Sonne die Sterne verscheucht.»

Hor. carm. 3,21 (Übersetzung Will Richter)

Kommentar von Julian: Mit Manlius ist L. Manlius Torquatus gemeint, der Konsul des Jahres 65 v. Chr., dem Geburtsjahr des Dichters. Mit dem ‘Massikerjahrgang’ ist qualitativer Spitzenwein vom mons Massicus in Kampanien gemeint. ‘Corvinus’ bezieht sich auf den Feldherrn, Konsul (31 v. Chr.) und Freund vieler Dichter Marcus Valerius Messalla Corvinus und mit Cato ist der berühte Schriftsteller und gefürchtete Sittenrichter Marcus Porcius Cato (234–149 v. Chr.) gemeint, der das älteste (erhaltene), landwirtschaftliche Lehrbuch der Römer verfasst hat.

Der Wein und die Wahrheit – Zum geflügelten Wort in vino veritas

«[…] dann werden die Geheimnisse der Seele hervorgeholt. Die einen sprechen ihr Testament vor Zeugen aus, die anderen führen todbringende Reden und halten die Worte nicht zurück, die über ihre Kehle den Weg zurückfinden werden – wie viele sind so zugrunde gegangen ! – und schon im Volke heißt es ‘im Wein liegt die Wahrheit’.»

Plin. nat. hist. 14,141

Das schon in der Antike weit verbreitete Sprichwort in vino veritas – ‘im Wein liegt die Wahrheit’ – hat seinen Ursprung vermutlich in der griechischen Archaik. Das älteste in diesem Zusammenhang überlieferte Zeugnis (ca. 610 v. Chr.) stammt vom Lyriker Alkaios aus Mytilene.

Οἶνος, ὦ φίλε παῖ, καὶ ἀλάθεα
«Denn der Wein, lieber Knabe, heißt Wahrheit auch»

Alk. 66 D (Übersetzung Max Treu)

Schattenseiten des Weines – die Folgen exzessiven Konsums 

Jeder, der schon einmal zu viel getrunken hat, kennt die Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Natürlich war dies in der Antike nicht anders und Plinius d. Ältere zeichnet ein detailliertes, wenn auch moralisierend-abwertendes Bild eines antiken ‘Alkoholikers’.

«Daher Blässe und herabhängende Wangen, Augengeschwüre, zitternde Hände, die volle Becher verschütten – die Strafe soll sogleich folgen –, und von Furien geplagte Träume, nächtliche Unruhen und schließlich als höchster Preis der Trunkenheit eine widernatürliche Wollust und Freude am Laster. Am folgenden Tag ein Atem wie aus einem Weinkrug, treten Vergessenheit aller Vorgänge und Schwinden des Gedächtnisses ein.» 

Plin. nat. hist. 14,142 (Übersetzung Roderich König)

Textausgaben und Übersetzungen

  • Corpus Papyrorum Raineri XVIIA. Griechische Texte XIIA, Die Archive der Aurelii Adelphios und Asklepiades, herausgegeben von Klaas A. Worp (Wien 1991).
    Zur Lesung des Namens Phibis (CPR XVIIA liest Ps….y.is): C. Kreuzsaler, J. Schneider, K. Stenzel, Bemerkungen zu Papyri rund um den Wein (Korr. Tyche), Tyche. Beiträge zur Alten Geschichte, Papyrologie und Epigraphik 33, 2019, S. 252 f. Nr. 924 (Beitrag C. Kreuzsaler).
  • Alkaios, griechisch und deutsch. Herausgegeben von Max Treu, München 31980. (Stelle bei S. 74)
  • Athenaios, Das Gelehrtenmahl. Buch VII – X, eingeleitet und übersetzt von Claus Friedrich, kommentiert von Thomas Nothers (Stuttgart 1999).
  • Athenaios, Das Gelehrtenmahl. Buch XI – XV, erster Teil, Buch XI – XIII, eingeleitet und übersetzt von Claus Friedrich, kommentiert von Thomas Nothers (Stuttgart 2000).
  • Homer, Odyssee. Griechisch–deutsch, übertragen von Anton Weiher (Berlin 142013).
  • Horaz, Oden und Epoden. Lateinisch und deutsch, nach der Übersetzung von Will Richter, überarbeitet und mit Anmerkungen versehen von Friedemann Weitz (Darmstadt 2010).
  • C. Plinius Secundus d. Ä., Naturkunde. Lateinisch–Deutsch, Bücher XIV/XV, herausgegeben und übersetzt von Roderich König in Zusammenarbeit mit Gerhard Winkler (München 1981).

Literatur zum Thema Wein in der griechisch-römischen Antike

  • J. André, Essen und Trinken im alten Rom (Stuttgart 1998)
  • J.-P. Brun, Le vin et l’huile dans la Méditerrannée antique (Paris 2003)
  • A. Dalby, Essen und Trinken im alten Griechenland, von Homer bis zur byzantinischen Zeit (Stuttgart 1998)
  • A. Gutsfeld, K. Ruffing, Wein: II. Klassische Antike, in: Der Neue Pauly 12/2 (Stuttgart 2002) 424–436
  • P. McGovern, Ancient Wine. The Search for the Origins of Viniculture (Princeton/Oxford 2003)
  • O. Murray, M. Tecusan (Hrsg.), In vino veritas (Rom 1995)
  • K. Ruffing, Weinbau im römischen Ägypten (St. Katharinen 1999)
  • A. Tchernia, J.-P. Brun, Le vin romain antique (Grenoble 1999)

Julian Schneider ist ein Althistoriker aus der Schweiz und schreibt gerade an einer epigraphischen Masterarbeit an der Universität Wien. Zudem ist er ein guter Freund von Fabiola und Max.

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